Vergleich mit dem besten Digitalisierungsland laut: Digitalisierungsgrad der EU-Länder nach dem DESI-Index im Jahr 2022

Wenn man Digitalisierung in Europa messen will, kommt man am DESI-Index der EU nicht vorbei. Der Digital Economy and Society Index zeigt, wie weit einzelne Länder in Sachen digitale Kompetenzen, Infrastruktur, Verwaltung und Unternehmen sind. Und Jahr für Jahr steht ein Land ganz vorn: Finnland.

Doch was macht Finnland zum digitalen Vorbild? Warum gelingt es diesem kleinen Land im Norden Europas, digitale Transformation so effizient, bürgernah und nachhaltig umzusetzen?

  1. Digitale Identität als Herzstück

Finnlands digitaler Fortschritt beginnt bei der digitalen Identitätsverwaltung. Die Authentifizierung läuft über das Online-Banking. Damit können sich Bürgerinnen und Bürger sicher gegenüber staatlichen Plattformen ausweisen, etwa über den nationalen Webdienst Suomi.fi. Hier reicht eine Anmeldung, um Steuern zu zahlen, ein Auto umzumelden oder jemandem die Abholung von Medikamenten zu erlauben. 2022 gab es fast 200 Millionen Logins – bei nur 4,5 Millionen erwachsenen Einwohnern.

  1. Vertrauen als Grundlage

Das System funktioniert, weil die Finnen ihm vertrauen. Dieses Vertrauen in Staat, Datenschutz und digitale Sicherheit ist tief verwurzelt – historisch gewachsen, unterstützt durch transparente Systeme und echte Bürgerbeteiligung. Selbst in der sensiblen Gesundheitsdigitalisierung vertrauen viele auf die Sicherheit ihrer Daten. Bereits seit über 20 Jahren gibt es elektronische Patientenakten, seit 2010 auch digitale Rezepte.

  1. Bildung und digitale Kompetenz

82 Prozent der finnischen Bevölkerung verfügen über grundlegende digitale Kompetenzen. Das ist EU-Spitze. Schulen, Bürgerzentren und öffentliche Online-Angebote fördern digitale Bildung aktiv. Auch Cybersicherheitstrainings sind öffentlich zugänglich.

  1. Unternehmen im digitalen Modus

Fast 86 Prozent der finnischen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) haben eine grundlegende digitale Intensität, 80 Prozent nutzen Cloud, KI oder Datenanalyse. Damit liegt Finnland weit über dem EU-Schnitt. Besonders bemerkenswert ist: Die Digitalisierung ist nicht nur ein Projekt, sondern ein dauerhafter, iterativer Prozess – mit enger Kooperation zwischen Staat und Privatwirtschaft.

  1. Öffentliche Dienste auf Autopilot

Vorausgefüllte Steuererklärungen, automatische Vorschläge für Kita-Plätze, digital übertragene Passfotos – in Finnland läuft Verwaltung leise im Hintergrund. Alles basiert auf konsolidierten Registern, gepflegten Daten und klaren Zuständigkeiten. Je unauffälliger der Service, desto besser, lautet das Motto.

  1. Virtuelle Medizin als Standard

Das virtuelle Krankenhaus ist ein Paradebeispiel für nutzerorientierte digitale Lösungen: Von der Selbstdiagnose bis zur OP-Nachsorge ist alles digital integriert. Mehr als eine Million Nutzer hatten die Plattform allein 2017. Ärzte und IT-Teams arbeiten eng zusammen, um Funktionen weiterzuentwickeln.

  1. Herausforderungen bleiben

Natürlich ist auch in Finnland nicht alles perfekt. Der flächendeckende Ausbau von Gigabit-Netzen stockt noch etwas, und beim elektronischen Identitätssystem nach eIDAS-Verordnung hat das Land noch keinen offiziellen Schritt getan. Auch die Verknüpfung sämtlicher Gesundheitsdaten mit Apps und mobilen Anwendungen ist ein laufendes Projekt. Aber der Fahrplan steht – mit über 497 Millionen Euro öffentlichem Budget und klaren Zielen bis 2030.

  1. Was kann Deutschland daraus lernen?

Der vielleicht wichtigste Unterschied: In Finnland wurde Digitalisierung von Anfang an strategisch gedacht. Es wurde nicht nur Technik eingeführt, sondern eine neue Verwaltungskultur geschaffen – agil, nutzerzentriert und datenbasiert. Vertrauen, Bildung, einfache Lösungen und klare Zuständigkeiten sind dabei die vier Pfeiler des Erfolgs.

Deutschland steht im Vergleich deutlich weiter hinten im DESI-Ranking. Der Fokus auf Datenschutz ist wichtig, doch er sollte nicht zum Bremsklotz werden. Statt Misstrauen als Standard braucht es Systeme, die Vertrauen verdienen. Der Rest ist Lernwille und Umsetzungskraft.

Bildquellen

  • statistic_id1016565_digitalisierungsgrad-der-eu-laender-nach-dem-desi-index-2022: Statista

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