
Digitalisierung klingt modern und schnell. In Deutschland aber ist sie oft genau das Gegenteil. Während andere Länder seit Jahren ihre Verwaltungen digitalisieren, bleibt Deutschland im Vergleich deutlich zurück. In vielen Bereichen fehlt es an Tempo, Klarheit und Struktur. Das ist kein Zufall, sondern hat mehrere Gründe, die sich über viele Jahre aufgebaut haben.
Ein Blick auf andere Länder zeigt, wie es auch anders geht. Frankreich, Dänemark oder Estland haben längst digitale Verwaltungsangebote geschaffen, die im Alltag gut funktionieren. Deutschland dagegen hat über Jahre hinweg wichtige Entwicklungen verpasst. Zwischen 2008 und 2018 ist die Nutzung digitaler Verwaltungsdienste in Deutschland nicht gewachsen, teilweise sogar zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Nutzung in Ländern wie Dänemark verdoppelt.
Oft wird gesagt, Datenschutz sei das große Hindernis. Doch Länder wie Dänemark und Frankreich arbeiten mit denselben Regeln der Datenschutzgrundverordnung und sind trotzdem weiter. Dort sieht man Datenschutz nicht als Hindernis, sondern als Grundlage für Vertrauen in digitale Systeme. In Deutschland fehlt es dagegen häufig an klarer Auslegung und digitaler Kompetenz, um Datenschutz sinnvoll umzusetzen.
Ein weiteres Argument lautet, Deutschland sei zu groß und zu kompliziert für Digitalisierung. Doch auch föderale Staaten wie Kanada oder Frankreich zeigen, dass Größe nicht das eigentliche Problem ist. Vielmehr fehlt es in Deutschland an klaren Zuständigkeiten. Viele Behörden und Verwaltungsebenen arbeiten nebeneinander statt miteinander. Das führt zu doppelt gemachter Arbeit, langen Abstimmungen und unklaren Verantwortlichkeiten. Andere Länder haben Steuerungsgruppen eingerichtet, in denen zentrale Entscheidungen für alle abgestimmt werden. Deutschland hat das zu lange versäumt.
Hinzu kommt eine Verwaltungskultur, in der Rechtssicherheit an erster Stelle steht. Neue digitale Lösungen werden nicht danach bewertet, ob sie einfach und benutzerfreundlich sind, sondern ob sie juristisch einwandfrei sind. Die Folge sind umständliche Onlineformulare, schlecht bedienbare Portale und wenig Service-Gedanke. Dabei wäre genau dieser Perspektivwechsel nötig, damit Bürgerinnen und Bürger überhaupt Lust haben, digitale Angebote zu nutzen.
Die Wirtschaft in Deutschland versucht unterdessen, Schritt zu halten. Laut einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammern wollen Unternehmen vor allem effizienter werden und Kosten sparen. Doch auch hier bremsen Zeitmangel, hohe Komplexität und rechtliche Unsicherheiten. Der Netzausbau bleibt hinter dem Bedarf zurück, besonders in ländlichen Regionen. Nur 73 Prozent der Unternehmen sagen, dass ihr Internet schnell genug ist. Cloud-Dienste und KI-Anwendungen brauchen jedoch stabile Netze, sonst funktioniert das alles nicht.
Immerhin: Künstliche Intelligenz wird zunehmend eingesetzt. 38 Prozent der Unternehmen nutzen sie bereits, ein deutlicher Anstieg. Doch auch hier fehlen oft IT-Fachkräfte, rechtliche Sicherheit und einfache Zugänge zu Daten.
Auch beim Thema Cybersicherheit gibt es Nachholbedarf. Zwar sichern viele Unternehmen ihre Systeme regelmäßig, aber nur jedes zweite Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden hat im vergangenen Jahr einen ernsthaften Cyberangriff erlebt. Kleine Firmen sind oft schlechter vorbereitet und bekommen zu wenig Unterstützung.

Was müsste sich ändern? Erstens braucht Deutschland eine bessere Steuerung der Digitalisierung. Ein zentrales Digitalministerium könnte helfen, Zuständigkeiten zu klären und Projekte zu bündeln. Zweitens müssen Bund, Länder und Kommunen enger zusammenarbeiten. Drittens braucht es eine Verwaltungskultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und digitale Angebote einfach nutzbar macht. Und viertens muss der Netzausbau beschleunigt werden, nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Land.
Fazit: Deutschland ist kein digitales Entwicklungsland, aber es bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Probleme sind bekannt, die Lösungen liegen auf dem Tisch. Doch es fehlt an Mut, Tempo und klaren Zuständigkeiten. Wenn sich das nicht ändert, wird Deutschland bei der Digitalisierung weiter nur zuschauen, während andere längst vorausgehen.
Bildquellen
- statistic_id1192445_ausgaben-fuer-cybersicherheit-weltweit-bis-2025: Statista
Schreibe einen Kommentar